„Die verlorene Welt“ « Z W »

3. Der Roman im geschichtlichen Kontext

3.2. Konkrete Bezugspunkte

Belege aus dem Entstehungsprozess der Verlorenen Welt machen deutlich, das A. Conan-Doyle seiner Erzählung größtmögliche Wirklichkeitsnähe verleihen wollte (1). Wie es seiner Art entsprach, nahm er Inspirationen aus seinem unmittelbaren Umfeld auf und recherchierte verschiedenste Details selbst. Bei seinem ‚Science Fiction’- Roman bezog er außerdem die Erfahrungen wirklicher Reisender Edward’scher Zeit aus seinem Bekanntenkreis ein. (2)
In diesem Zusammenhang verdient seine Rezeption von Forschungsergebnissen gesonderte Aufmerksamkeit.

Das Evolutionsverständnis des Textes ist noch stark teleologisch: sie führt auf den modernen Menschen hin. Dieser ist über ein „fehlendes Bindeglied“ (‚missing link’) (3) mit dem Tierreich verbunden – eine Theorie, die insbesondere im 19. Jahrhundert diskutiert wurde.  Des weiteren findet sich eine fragwürdige, aber sehr wirkmächtige Theorie zum Verhältnis zwischen Schädelgröße (beziehungsweise Nervenmasse) und Intelligenz (→ LW 119).

Die Geologie ist von besonderer Bedeutung für den Plot, der ja von der Sonderstellung eines Plateaus abhängt. Die Theorie, die zu deren Erklärung angeführt wird, sieht Veränderungen in der Gestalt der Erde vor, erklärt diese jedoch auf Grundlage vulkanischer Aktivität (→ LW 29).Aus heutiger Sicht wäre dieser Gesichtspunkt neu zu fassen, um mit bestimmten Einzelheiten zur Struktur und Entwicklung der Erde vereinbar zu sein, insbesondere mit der Plattentektonik.

Der eigentlich entscheidende Punkt ist jedoch nicht, inwieweit die im Roman dargestellten theoretischen Konzepte späteren (und somit mutmaßlich feiner ausdifferenzierten) Wissensständen entsprechen – aus geschichtlicher Perspektive mögen sie tatsächlich als vergleichsweise fortschrittlich gelten – sondern dass dieses literarische Werk überhaupt einen wissenschaftlichen Standpunkt einnimmt.

Diese Postionierung schließt einen starken Glauben an diesen, damals noch potentiell revolutionären, Ansatz ein und zeugt von einer starken Verbindung zum geistigen Leben der Zeit. Sie dürfte auch den Ansichten des Autors entsprechen. Darüber hinaus weist sie einen sehr speziellen, gewissenhaften Arbeitsstil aus, wie er nicht ohne Weiteres mit unterhaltender Literatur in Verbindung gebracht wird.

Während ein Verbindungspunkt zur äußeren Weltlage durch den Autor zustande kommt, ergibt sich ein anderer aus den jeweiligen umfassenderen historischen und (kultur-) räumlichen  Zusammenhängen.

Ein herausragendes Merkmal der Verlorenen Welt ist die optimistische und selbstsichere Perspektive, die alle Abendheuer übersteht. Tatsächlich bestand im viktorianischen Großbritannien (wie auch in den Vorkriegsjahren unter Edmund VII.) ein gewisses Sicherheitsempfinden inmitten des Wandels, auf das man sich stützen konnte.(4)

Der Hintergrund des Romans ist der einer im Wesentlichen prosperierenden, ausgedehnten Weltmacht, deren Imperialstreben noch nicht in Frage gestellt worden war. Zum Ende des 19. Jahrhunderts standen mehr als ein Viertel der Weltbevölkerung unter britischer Herrschaft. Ein starkes Vertrauen in die Kraft der eigenen Lebensweise ergibt sich so recht einfach und erklärt den Entdeckungsdrang ebenso wie die auf Unterwerfung gerichtete Haltung gegenüber dem, was man im Unbekannten vorfindet. Die rassischen Untertöne des Werks sind in diesem Zusammenhang zu interpretieren.

Auch wenn man berücksichtigt, dass die Bedeutung von Stereotypen und ‚Kürzeln’ für das Fremde (5) hier eine besondere ist, da der Plot dem Phantastischen so nahe steht, und sogar, wenn man die gelegentlichen Fälle satirischer Distanz hinzunimmt, hat der Roman doch erklecklichen Anteil an Problemfeldern, die im post-kolonialen Diskurs zu brennenden Fragen und Einwänden wurden.

Im Guten wie im Schlechten trägt Die Verlorene Welt tatsächlich die Spuren eines ganz bestimmten – und wirklich verschwundenen – geschichtlichen Moments in sich.


(1)
Dies rechtfertigt umgekehrt Nachforschungen zu ihren gedanklichen und geschichtlichen Fundamenten, wie sie etwa diese Arbeit unternimmt.
(2)
Zu weiteren Details, vergleiche summarisch: John Lavas (2001), Abs. 4ff.; R.D. Batory / A.S. Sarjant (1989),16ff.; D.Stashower (2 2000), 274ff.
(3)
Vergleiche das Wortspiel in lw 124, lw 163; zur Sachinformation vergl. entsprechend den Eintrag in der Britannica (Standard Edition, CD-ROM, 2002).
(4)
Dies wird umrissen im Artikel “United Kingdom: Great Britain 1815 –1914: Mid-Victorian society and culture“ der Encyclopaedia Britannica (Standard Edition, CD-ROM, 2002).
(5)
Diese Analyse- Konzepte sind L. Kitzan (2001) entlehnt, insbesondere S. 3f.
Author's Logo
www.text-traeger.de · Autor: Paul - Christoph Trüper, 2005  - 2008.
Projekt - Vorspann English Version Startseite